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VORWORT DER ERSTEN AUFLAGE

der Broschüre „Nie wieder! Eine alternative Stadtrundfahrt auf den Spuren des Dritten Reiches“, erste Auflage 1984.

Sogenannte „Alternative Stadtrundfahrten“ auf den Spuren des Dritten Reiches fanden in den letzten Jahren in verschiedenen deutschen Städten statt. Nun hat auch Karlsruhe seine „andere Stadtrundfahrt“. Sie ist insbesondere für Jugendgruppen und Schulklassen zusammengestellt. Eine Umfrage zum Dritten Reich bei Schülern der 8. bis 11. Klasse eines Gymnasiums hat gezeigt, dass bestimmte Begriffe wie Gleichschaltung, Konzentrationslager (v. a. Dachau und Auschwitz), Judenverfolgung, Widerstand durchaus geläufig sind. Eine konkrete Vorstellung, was sich dahinter verbirgt, fehlt jedoch. Das Wissen erschöpft sich in allgemeinen Aussagen und bleibt unklar. Vor allem über die Zeit des Nationalsozialismus in der nächsten Umgebung – hier in Karlsruhe – ist den Schülern so gut wie nichts bekannt.

Ein Gespräch über dieses Thema innerhalb der Familien erweist sich – falls es überhaupt dazu kommt – als äußerst problematisch, da viele Eltern und Großeltern nicht über diesen Abschnitt ihres Lebens reden wollen. Wenn es doch dazu kommt, fühlen sich viele veranlasst, sich dafür zu verteidigen, dass sie damals dazugehört haben, was von den Kindern als pronazistisch ausgelegt wird. Eine Deutung, die sicherlich nicht falsch ist, wenn Eltern – wie dies ein Schüler schreibt – die Notwendigkeit der Aktionen Hitlers betonen. Die Gespräche scheinen von beidseitiger starker Emotionalität gekennzeichnet zu sein, die in den wenigsten Familien eine vernünftige Diskussion zu diesem Zeitabschnitt unserer jüngsten Vergangenheit zulässt. Dazu trägt sicherlich bei, dass es für jemanden, der jene Zeit nicht miterlebt hat, unglaublich schwierig ist, Verständnis für das Verhalten der Menschen damals zu haben. Bei all dem darf in der Tat nicht übersehen werden, wie groß die Armut Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre war. Und dass da plötzlich jemand war, dem es zu gelingen schien, die Not zu lindern, indem er den Menschen Arbeit verschaffte. Dass es staatliche Maßnahmen gab, der ärgsten Not Herr zu werden, die von vielen zunächst positiv bewertet wurden. Das trieb die Menschen voll Hoffnung in die Arme Hitlers und machte sie erst einmal blind für seine wahren Absichten.

Auch die Darstellungsweise der Schulbücher, die sich zwangsläufig nur auf die großen Zusammenhänge beziehen kann und damit für Schüler wenig greifbar ist, trägt mit dazu bei, dass für viele der Nationalsozialismus Vergangenheit bleibt. Folglich ist er für Schüler fast so schwer vorstellbar wie die Zeit Karl des Großen. Mit Hilfe der Stadtrundfahrt und dieser Broschüre soll den Jugendlichen der Zugang zu einem Thema, dessen Folgen für uns sehr aktuell sind, erleichtert werden. Ein Ziel des Projektes ist es, klarzumachen, dass der Nationalsozialismus nicht nur im Schulbuch oder irgendwo weit weg – in Berlin und München – stattfand, sondern dass das Dritte Reich auch da, wo wir heute leben, alles verändert und beeinflusst hat. Auch in Karlsruhe hielt Hitler Reden, auch hier gab es Aufmärsche, wurden Bücher der vom Regime verfolgten Autoren verbrannt, wurden Juden schikaniert, Leute in Konzentrationslager gebracht, auch hier fielen Bomben und starben Tausende im Krieg. „Es ist mitten unter uns geschehen ...“, stellte der Erzbischof Dr. Oskar Saier anlässlich des 40. Jahrestages der Reichskristallnacht in der evangelischen Stadtkirche am 9. November 1978 fest. Karlsruhe war ganz unmittelbar betroffen, und das soll anhand lokaler Beispiele deutlich gemacht werden. Aufgrund der Materialfülle können zwar nur Einzelfälle herausgegriffen werden, aber diese sollen stellvertretend für andere Einblick in die Zustände in Karlsruhe während des Dritten Reiches geben. Sie sollen allgemeines, aber im einzelnen unklares Geschichtswissen veranschaulichen und damit verständlicher machen.

Liest man die Berichte von Leuten, die das Schreckliche damals am eigenen Leibe erlebten, so sollte einem klar werden, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Nie wieder dürfen Menschen in Kellern von den Trümmern eines von Bomben zerstörten Hauses erdrückt werden oder ersticken, nie wieder dürfen Kinder gequält und erschossen werden, nur weil ihre Eltern Juden sind. Das klarzumachen, ist ein weiteres Anliegen des Projekts. Es will versuchen, den Abstand, der häufig im Unterricht zu einem Thema entsteht, abzubauen und deutlich zu machen, wie grauenvoll das Geschehen auch in unserer nächsten Umgebung war, und dass es sich nicht wiederholen darf.

Insbesondere wenn man die Aktivitäten der neonazistischen Gruppen in den letzten Jahren beobachtet und ihre Parolen mit denen der Nationalsozialisten vor fünfzig Jahren vergleicht, kann einem Angst werden. Judenhass und Ausländerfeindlichkeit kennzeichnen die Unternehmungen der meistens sehr jungen Neonazisten ebenso wie die Tendenz zur offenen Gewalttätigkeit. Ob im Fußballstadion, auf Schulhöfen, durch Flugblätter, die in Briefkästen zu finden sind, durch Sprühschriften auf öffentlichen Gebäuden - überall macht sich die rechtsextremistische Bewegung bemerkbar. Häufig mit erschreckenden Parolen.

Das zurückhaltende und abwartende Verhalten von staatlicher Seite diesen Gruppen und auch Einzelpersonen gegenüber, die oft als Lehrer oder Politiker öffentliche Auftritte haben, ist beängstigend und ärgerlich zugleich. Es darf nicht nur überwacht und registriert werden, sondern es muss auch angeklagt werden.

Das Hauptanliegen der Stadtrundfahrt liegt auch darin, Ereignisse und Erfahrungen aus dem Dritten Reich in unserer Stadt auf die heutige Zeit zu übertragen. Leider ist die Gefahr des Faschismus in unserer Gesellschaft immer akut. Deshalb müssen die demokratischen Kräfte aufmerksam und widerstandsbereit sein.

Kurz: Aufgabe des Projektes „Alternative Stadtrundfahrt – Auf den Spuren des Dritten Reiches in Karlsruhe“ ist es, zu zeigen, dass sich die Geschichte des Dritten Reiches auch in unserer unmittelbaren Umgebung abgespielt hat. Dass die Ereignisse auch hier schrecklich waren und die geschehenen Unmenschlichkeiten sich nie wiederholen dürfen. Damit das nicht der Fall sein kann, heißt es, den neonazistischen Tendenzen der Gegenwart mit besonderer Aufmerksamkeit zu begegnen.

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