Zur Startseite Sie sind hier: » Geleitwort 1984

Geleitwort von Hanne Landgraf 1984

der Broschüre „Nie wieder! Eine alternative Stadtrundfahrt auf den Spuren des Dritten Reiches“, erste Auflage 1984.

"Ich finde es eine dankenswerte Aufgabe, die sich der Stadtjugendausschuß e.V. Karlsruhe gestellt hat, den Jugendlichen das Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus besonders aus der nächsten Umgebung – hier in Karlsruhe – zu vermitteln bzw. zu erweitern.

 
Hanne Landgraf

Die Frage der Jugendlichen an uns: „Warum habt Ihr nicht mehr Widerstand geleistet?“, kam in den letzten zwei Jahren immer mehr auf.

Über Jahrzehnte hinweg wurde Widerstand gegen Hitler und den nationalsozialistischen Unrechtsstaat bei uns – sofern er überhaupt im allgemeinen Bewußtsein verankert war – gleichgesetzt mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 und der von ihm ausgehenden Symbolkraft.

Langsam scheint sich die Erinnerungslücke zu schließen: Widerstand gegen Hitler war auch jener „lautlose Widerstand“ der Menschen, die sich nicht mitreißen ließen, die nicht mit „Heil Hitler“ grüßten, das „Horst-Wessel-Lied“ nicht mitsangen, der „Hakenkreuzfahne“ als nationalem Symbol nicht die gewünschte Ehrbezeugung erwiesen. Bei den vielen damals einsetzenden Sammlungen nicht zu spenden, konnte ebenso schwerwiegend sein, wie die Weigerung, der Partei beizutreten oder später, nach Beginn der Kirchenverfolgung, demonstrativ weiter zur Kirche zu gehen. Wer gar den neuen „Volksfeinden“ half, der verließ bereits jene Grauzone zwischen passivem Widerstand und Verweigerung. Meist gab es dann kein Zurück mehr.

Mein Wunsch und meine Hoffnung ist es, daß die Broschüre und die damit verbundenen Alternativen Stadtrundfahrten, die die Menschen und besonders die Jugendlichen zu den Stationen des Grauens und Vernichtens führen, dazu beitragen, jetzt schon den Aktivitäten der neonazistischen Gruppen entgegenzuwirken und Widerstand zu leisten.

Das Leid und Elend, das durch dieses grauenvolle Geschehen vor fünfzig Jahren über uns kam, darf sich auf keinen Fall wiederholen. Mein Vertrauen zu unserer Jugend ist groß.

Dank möchte ich allen sagen, die am Zustandekommen dieser Broschüre und den damit geplanten Aktivitäten beteiligt waren."

Frau Landgraf kam als Zeitzeugin innerhalb der Broschüre mehrfach zu Wort. Sie war auf politischem und sozialem Gebiet stark engagiert. Von 1953 bis 1968 war sie als Stadträtin der SPD, von 1968 bis 1976 als Landtagsabgeordnete tätig. Sie verstarb am 19.01.2005.

 

Bildquelle: AWO Karlsruhe

Zurück