STATION - Polizeipräsidium Marktplatz

An der Ecke Karl-Friedrich-Straße / Hebelstraße befand sich das Karlsruher Polizeipräsidium. Verhaftete, ob politische Gegner, Jüdinnen und Juden oder andere, wurden hier verhört und gequält. Davon berichtet auch die Zeitzeugin Hanne Landgraf.

 
Polizeirevier am Marktplatz

Bei der Besetzung der Redaktion der SPD-Zeitung ‚Volksfreund’ durch SA-Trupps am 10. März 1933 wurden alle dort angetroffenen Menschen in das Präsidium verschleppt, u. a. Remmele, Marum und Furrer. Nachdem sie verhört worden waren, wurden sie im Gefängnis in der Riefstahlstraße gefangen gehalten, bis sie am 16. März 1933 mit einer Schaufahrt durch die Karlsruher Innenstadt, bei der sie beschimpft und ausgepfiffen wurden, ins KZ Kislau gebracht wurden.

Teile der männlichen jüdischen Bevölkerung wurden nach der „Reichskristallnacht“ am 10. November 1938 zunächst ins Polizeipräsidium gebracht, bevor sie nach Dachau weitertransportiert wurden.

In den Kellern des Gebäudes wurden viele Verhaftete, hauptsächlich politische Gefangene, gefoltert und schlimm misshandelt. Bei den Nazis wurden die Folterkeller 'Salzkammergut' genannt, und jeder Insider wusste, was es bedeutete, wenn jemand ins 'Salzkammergut' zur 'Erholung' geschickt wurde.

 
Bezirksamt der Polizei am Marktplatz heute

Gretl Vogt, geb. 1912:
„... und wenige Tage später kamen sie noch mal. Da haben sie dann im Zimmer von meinem Bruder ein Bild von Lenin gefunden. Das haben sie beschlagnahmt. Wir hatten’s nur unter’s Bett gelegt. Meinen Bruder haben sie mal verprügelt, ihm einen Mülleimer auf den Kopf geschlagen. Er hatte eine große Platzwunde gehabt. Das war im Polizeipräsidium am Marktplatz.“ (1)

L. M., geb. 1907:
„Es sind auch einige Leute in Karlsruhe verhaftet worden. Es war eine richtige Verhaftungswelle 1933. Wenn ich zur der Zeit in Karlsruhe gewesen wäre, hätten sie mich auch verhaftet. Die Martha Rudolf wurde verhaftet und viele meiner Freunde. Sie wurden im Polizeipräsidium in der Karl-Friedrich-Straße / Ecke Hebelstraße (in dem Rundbau) in einem Keller zusammengeschlagen. Als die Nazis ihre Wut gekühlt hatten, wurde der größte Teil wieder freigelassen, weil sie gar keinen Platz zum Unterbringen der vielen Verhafteten hatten. In diesen ersten Tagen hat jeder jeden anzeigen können ...“ (2)

Erfassung der Sinti und Roma

Die damals rund 500 Karlsruher Sinti und Roma wurden im Polizeipräsidium in der Hebelstraße „rassebiologisch erforscht“; das bedeutet: Blutabnahmen, Vermessungen der Körper, der Kopfgröße und andere pseudowissenschaftliche Messungen.

Am 16. Mai 1940 begannen die ersten Deportationen von Sinti-Familien in Ghettos und Arbeitslager in den besetzten polnischen Gebieten. Viele Karlsruher Sinti und Roma wurden im Hof des Polizeipräsidiums zusammengetrieben und dann mit Polizeilastwagen ins eigens eingerichtete Sammellager Hohenasperg bei Stuttgart abtransportiert.

Hermann W. über die Erfassung der Sinti:
„Ja, diese Untersuchungen – damit fing es an. Die Justin, die war ja auch bei uns in Karlsruhe, zusammen mit dem Ritter. Erst hat man uns Blut genommen, auf dem Polizeipräsidium. Und dann hat man die Haarfarbe, die Augen – alles notiert. Den Kindern brachten sie Bonbons mit oder Schokolade – haben immer ganz freundlich getan. Aber wir konnten uns ja nicht wehren. Wenn die uns bestellt haben, dann mussten wir einfach hin. Sonst wäre man verhaftet worden. Es war ja das Polizeipräsidium“ (3)

 

Hermann W. berichtet weiter:
„Und 1940, im Mai, ist die Kriminalpolizei gekommen und hat gesagt, wir müssen uns alle im Polizeipräsidium melden. Alle! Alle Sinti vom Kreis Karlsruhe. Wir durften nur unsere Betten, also Kleinigkeiten, mitnehmen, das war genau vorgeschrieben...

Ja, und als wir dann im Hof vom Präsidium versammelt waren, kam plötzlich die Polizei, in Uniform und mit Karabinern, und hat sich vor die Tore hingestellt. Da durfte keiner mehr raus. Da hab ich gleich zu meinem Vater gesagt: ‚Das ist nichts Gutes.’ (4)

Auch der Musiker Richard Reinhardt ist einer der Karlsruher Sinti, die 1940 nach Polen deportiert wurden. Er erinnert sich:
„Am 16. Mai kamen wir im Hof des Polizeipräsidiums zusammen. Da standen Polizeiautos bereit, wir hatten Platz zu nehmen, mehrere Autos – es gab ja viele Sinti damals – und wir fuhren mit Bewachung – Sicherheitspolizei – nach Hohenasperg in das ehemalige Zuchthaus.“ (5)

Heute befindet sich in dem Gebäude das Polizeirevier Marktplatz.

 

(1) Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) (Hg.): Erlebte Geschichte. Frauen berichten aus der Zeit des Nationalsozialismus. Karlsruhe 1983, S. 105
(2) Ebd., S. 71
(3) Krausnick, Michail: Der Völkermord, der unterschlagen wurde oder Der Bericht des Hermann W. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Zwischen Romantisierung und Rassismus. Sinti und Roma. Stuttgart 1998, (vergriff.), pdf online: http://www.lpb-bw.de/publikationen/sinti/sinti6.htm
(4) vgl. Ebd.
(5) vgl. Ebd.

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