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STATION - Marktplatz

Es konnte immer wieder beobachtet werden, wie Gegner des Nationalsozialismus und Juden öffentlich auf dem Marktplatz drangsaliert wurden, bevor sie in das Polizeibezirksamt an der Ecke Karl-Friedrich-Straße/Hebelstraße abgeführt wurden.

 
Damaliger Adolf-Hitler-Platz, heutiger Marktplatz

Wie Kurt Witzenbacher berichtet, spielte sich am Tag nach der Pogromnacht im November 1938 folgende Szene ab:

„Für die meisten gab es allerdings bei der Synagoge bald nicht mehr allzu viel zu sehen. Ich hörte einige sich zurufen: ‚Auf dem Adolf-Hitler-Platz ist was los!’ Und schon war ich mittendrin im Strom der Menge, die sich zum Adolf-Hitler-Platz, dem heutigen Marktplatz, wälzte. Dort erst war ein Gedränge! Mensch an Mensch, und über all dem lag eine spürbare Spannung, die sich auch mir, dem kleinen Jungen, mitteilte, der die Augen aufriss, aber nicht wusste, was da geschah oder noch geschehen sollte; für den alles schrecklich aufregend, zugleich aber auch bestürzend und bedrängend war.

Bald war ich bis zur Stadtkirche vorgeschoben worden. Ein Johlen, wie ich es vorher noch nie gehört hatte, kündigte etwas an, das ich jedoch wegen der vielen Leute um mich herum nicht sehen konnte. Mit ein paar anderen Jungen kletterte ich auf den Brunnen vor dem Rathaus. Und da sah ich, wie mehrere Lastwagen, auf denen dicht gedrängt Menschen standen, bis zur Pyramide heranfuhren. Die Menschen, es waren alles Juden, wie ich später erfuhr, wurden von den Wagen gestoßen und durch die johlende Menschenmenge bis zum Polizeipräsidium hindurchgetrieben.

 
Marktplatz heute

Ich wusste damals natürlich nicht, was Spießrutenlaufen ist. Ich sollte es aber in jenen Augenblicken von erwachsenen Menschen, einfachen und vornehmen, Männern und hysterischen Frauen, Herren und Damen, demonstriert bekommen.

Mit Taschen, Stöcken und Schirmen schlugen sie auf die Juden ein und bespuckten sie. Ich werde ein Bild nie mehr vergessen – dicht an mir vorbei ging ein groß gewachsener, alter Herr mit Glatze und einem langen, grauen Vollbart. Mit stolzer und zugleich verachtender Haltung schritt er aufrecht durch die prügelnde Menge, obwohl ihm aus unzähligen Platzwunden das Blut über das Gesicht lief.“ (1)

 

(1) Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) (Hg.): Sie hatten noch die Frechheit zu weinen.
Materialien zum Thema Judenverfolgung im Dritten Reich. Ludwigsburg 1979, S. 85 f.

Bildnachweis: Stadt AK 8/Alben 5, 36a; Stadt AK 8/Alben 5, 283a; Stadt AK 8/Alben 5, 284a

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