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STATION - Nassauer Hof, Kriegsstraße 88

Im Gebäude Kriegsstraße 88 befand sich das Hotel Nassauer Hof, das in jüdischem Besitz war. Während der Reichspogromnacht, der so genannten „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938, wurde es angezündet und teilweise zerstört. Der Kaufmann Leopold Friedmann verstarb am 11.November 1938 an den Misshandlungen, die ihm während der Reichskristallnacht im Nassauer Hof zugefügt wurden. (1)

 
Nassauer Hof

Um 1940 lebten offensichtlich mehrere jüdische Familien in diesem Haus. So wollte das jüdische Ehepaar Hedwig und Leo Metzger von hier aus nach Uruguay ausreisen. (2) Heute befindet sich in diesem Haus die Evangelische Stadtmission. Am Eingang des Gebäudes ist ein Hinweisschild auf den Nassauer Hof angebracht.

Zeitzeugenbericht F.L. Cassel
Ich war in Deutschland Diplom-Ingenieur und Regierungsbaumeister a. D., wohnhaft in Berlin seit 1916.

Am 8. November 1938 kam ich mit meiner Frau im Auto nach Karlsruhe, um meiner dort wohnhaften Schwiegermutter bei einem Umzug behilflich zu sein. Wegen dieses Umzuges wohnten wir nicht bei ihr, sondern sie hatte für uns ein Zimmer in dem jüdischen Hotel Nassauer Hof gebucht.

Als wir am Abend, vielleicht 9.30 Uhr, zum Hotel gingen, schien ganz Karlsruhe auf den Beinen zu sein. Zahlreiche uniformierte SA- und SS-Leute zogen in Gruppen herum, begleitet von Mädchen und Frauen in eleganter Kleidung. Wir fühlten etwas in der Luft liegen.

Wir waren vielleicht 1-2 Stunden im Bett, im dritten Stock, als unten im Haus ein großer Radau losging. Lautes Schreien, Türeinschlagen, krachendes Porzellan und Glas wurde gehört. Wir zogen uns rasch an, aber niemand kam herauf, und nach etwa einer halben Stunde wurde es wieder ruhig. Die SA-Einbrecher waren wieder abgezogen, nachdem sie im Erdgeschoss alles zerschlagen hatten.

Wir zogen uns wieder aus, aber als wir nach langer Zeit wieder einschliefen, vielleicht um 4 oder 5 Uhr morgens, begann ein neuer Tumult, diesmal viel ärger. Ich zog meine Hosen und (meinen) Rock über meinen Pyjama an, und noch ehe ich fertig war, wurde unsre Tür eingetreten und zwei SA-Männer befahlen mir, ihnen zu folgen. Als ich meinen Mantel, der an der Tür h(i)ng, anziehen wollte, drohte mir einer mit der Pistole. „Ich schieß Dich nieder, Du Hund, wenn du den Mantel nimmst!“ Im ganzen Haus spielte sich dasselbe ab. Die meisten Einwohner waren Familien, die fertig zur Auswanderung waren und auf ihr Schiff warteten.

Im Erdgeschoß wurden wir mit dem Gesicht gegen die Wand gestellt. Meine Frau, die mit herunter gekommen war, wurde mit folgenden Worten aus dem Zimmer getrieben: „Du Judensau, mach dass Du hier herauskommst.“

 
Hinweisschild Nassauer Hof

Nach einer Zeit, es mag gegen 6 Uhr gewesen sein, es war noch dunkel, wurden wir auf die Straße geführt und in Viererreihen abmarschiert. Ein Mann war barfuß. Die Straßen waren nass, es regnete. Auf dem Marsch brach ein Mann zusammen. Die beiden nächsten zu ihm wurden befohlen, ihn mitzuschleppen. Wir kamen am Gefängnis an. Da wurde entdeckt, dass der Mann tot war. Herzschlag.

Im Gefängnis wurden wir der üblichen Einlieferungsprozedur unterzogen, von Gefängnisbeamten, Personalien, Ablieferung des gesamten Tascheninhalts usw. Ich war mit zwei anderen Karlsruher Männern in derselben, einbettigen Zelle, ein Dr. Fuchs, ein bekannter Karlsruher Orthopäde und Rechtsanwalt. Wir bekamen einmal etwas zu essen. Suppe und Brot.

Gegen Abend wurden wir aus der Zelle geführt, bekamen unsere Sachen wieder ausgehändigt und, aus dem Gefängnis herausgeführt, fanden wir große Autobusse auf uns wartend, die uns zum Karlsruher Bahnhof brachten. Der Bahnhof hat einen großen unterirdischen Querbahnsteig, der alle Bahnsteige verbindet. Da wurden wir aufgereiht. Mindestens 1000 Männer, aus Karlsruhe und benachbarten Städten und Dörfern. Während wir warteten, paradierten vor uns alle höheren Karlsruher SA- und SS-Bonzen in ihren Uniformen, mit der Reitpeitsche in der Hand, und amüsierten sich, die ihnen bekannten Persönlichkeiten zu beleidigen.

Bevor wir das Gefängnis verlassen hatten, wurden alle einem höheren SA-Mann, der an einem Tisch saß, vorgeführt und gefragt, ob wir irgendeinen Grund hätten, nicht festgenommen zu werden. Es ist möglich, dass ein oder zwei ältere Männer entlassen wurden.

P.S. Meine Frau hat mir erzählt, dass der Nassauer Hof vollkommen zerstört wurde. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde zertrümmert. Fenster, Waschschüsseln, Spiegel, Betten, Schränke, Türen. Das Haus wurde sozusagen unbewohnbar gemacht.

Nach mehrstündigem Warten wurden wir in einen Zug gehetzt, der wie ein Armee-Transporter aussah. Viehwagen mit Bänken ohne Lehnen. In jedem Wagen war ein Gendarm in blauer Uniform. Kein Essen! Der Zug fuhr die ganze Nacht. Im Morgengrauen konnte man durch die Türschlitze sehen, dass wir nach Bayern, München-Direktion fuhren. Das bedeutete Dachau, ein berüchtigtes und gefürchtetes Ziel…
London, Dezember 1955

 

(1) vgl. www.ashkenazhouse.org/pogrom/list.htm und Gedenkbuch für die Karlsruher Juden:
http://my.informedia.de/gedenkbuch.php?PID=2
(2) vgl. Gedenkbuch für die Karlsruher Juden http://my.informedia.de/gedenkbuch.php?PID=2

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